Fibromyalgie

Gehe, dann geht's Dir gut.

Jeder Schritt ist ein Schritt zu Dir.

Fibromyalgie

1
2
3
4
5
6
7
1

Hauptsymptome:
Müdigkeit
Schlafstörungen
Konzentrations-
probleme
Erschöpfung
Kopfschmerzen

Nebensymptome:
Depressionen

2

Mögliche Symptome:
Schluckbeschwerden
Zahnschmerzen
Erhöhte Empfindlichkeit für
Licht, Geräusche, Kälte

3

Hauptsymptome:
Chronische Schmerzen
Gelenkschmerzen
in Armen und Beinen

Nebensymptome:
Morgensteifigkeit

weiterhin möglich:
Krämpfe
zitternde Hände

4

Nebensymptome:
Schwellungsgefühl in
Füßen, Händen oder
im Gesicht

5

Nebensymptome:
Reizmagen
Reizdarm

6

Mögliche Symptome:
Herzrhythmusstörungen
Infarktanfälligkeit
Atemnot

7

Hauptsymptome:
Nacken- oder
Rückenschmerzen
Schmerzen im Brustkorb

Fibromyalgie (FMS)

Fibromyalgie – die unsichtbare Krankheit – ist viel mehr als eine chronische Schmerzerkrankung. Immer wieder anhaltende Schmerzen in allen Körperbereichen werden begleitet von bis zu 120 weiteren Symptomen in verschiedenen Ausprägungen begleiten den Alltag und machen das Leben zur Hölle.

Nach einer wahren Odyssee an Arztbesuchen, dem Unverständnis und der Ungeduld der Mitmenschen (und oft auch der Ärzte) gelangen wir an einen Punkt, an dem sich auch Depressionen zu den bereits vorhandenen Symptomen gesellen. Dadurch scheint der nächste Schritt besiegelt, an dem persönliche Kontakte reduziert werden, der berufliche Alltag leidet oder unmöglich wird und der soziale Rückzug beginnt.

Da FMS unheilbar ist richtet sich die ärztliche Therapie weitestgehend darauf, den Umgang mit dem Schmerz zu verbessern, um so ein wenig Lebensqualität zurück zu gewinnen. Die sogenannte multimodale Therapie konzentriert sich auf die Einstellung zum Schmerz – der dennoch nicht verschwindet, sondern nur den Schmerzort und die Intensität verändert.

So komplex die Krankheit ist, so vielfältig sind die Behandlungsmethoden – und dennoch gilt: nicht Alles hilft Allen, und der Mix macht’s!

Meine Geschichte

Schon als Kind war ich wegen meiner „komischen Rückenschmerzen“ immer wieder bei Ärzten, die mit der Antwort „In dem Alter hat man noch keine Rückenschmerzen“ und der Verschreibung von Krankengymnastik und Schuheinlagen meinten, genug getan zu haben. Wenn ich übersensibel auf Licht, Geräusche, Gerüche und Berührungen reagierte wurde ich einfach als Mimöschen, Prinzessin auf der Erbse oder als überspannt bezeichnet. So wurde ich schnell zur Außenseiterin und Sonderling, und fand auch in der Schule wenig Anschluß.

Schulausflüge, Wandertage und Landschulheimaufenthalte wurden so zum Horror, und ich fiel in der Regel abends erschöpft ins Bett, während meine MitschülerInnen sich nächtelang auf Zimmerparties amüsierten.

Ich machte mir dies dann irgendwann zu eigen, fand es normal und alltäglich und definierte für mich, dass schließlich nicht jeder extrovertiert und unterhaltsam sein könne.

Als nach der Geburt meiner Kinder dann heftige Panik- und Angstattacken (ausgelöst durch heftige Schmerzen im Brustbereich) zu der mir bereits bekannten Symptomatik noch auftraten, begab ich mich – dem konventionellen Weg folgend – in eine mehrmonatige tiefenpsychologische Therapie. Alle Menschen um mich herum – Familie, Ärzte und Psychotherapeuten – führten diese Symptome auf die Geburten und die damit verbundenen hormonellen Umstellungen zurück.

Erst im Jahr 2013 konsultierte ich dann aufgrund eines geschwollenen und schmerzhaften Knies einen Rheumatologen, der mir dann quasi als Zufallsbefund auch Fibromyalgie diagnostizierte.

So hatte ich glücklicherweise nicht den üblichen Ärztemarathon bis hin zur Diagnose, aber schlug mich mein ganzes Leben damit herum, dass die Schmerzen und psychischen Symptome mich zum Sonderling machten.

Seit diesem Moment begann ich, die Fribromyalgie regelrecht zu studieren: ich tauschte mich mit Betroffenen aus, mit Heilpraktikern und Ärzten, konsultierte Ernährungsberater, Entspannungstherapeuten und unzählige Bücher der Fachliteratur. Ich wurde Mitglied der Deutschen Fibromyalgie Vereinigung und der Rheumaliga – und so wurde diese Erkrankung zu meinem absoluten Spezialgebiet.

Meine Arbeitsweise:

Bei Ihrem Besuch erwartet Sie zuerst eine ausführlichen Anamnese, danach halten wir Ihre individuellen Bedürfnisse und Ziele fest.

Dann befassen wir uns damit festzustellen, ob es in Ihrem Fall systemische oder psychobiographische Zusammenhänge gibt, wie beispielsweise große seelische oder körperliche Schmerzen, die Sie oder Personen in Ihrem Familiensystem erlebt haben. Solche Verletzungen können bis in die beiden Weltkriege zurückgehen. Die Nachkommen „übernehmen“ dann den Schmerz, der sich in einer chronischen Schmerzerkrankung manifestieren kann.

Mit individuellen Familienaufstellungen im geschützten Rahmen kann man helfen, mit dem Schmerz besser umzugehen, da Last und Druck abfallen dürfen und sich danach eine Entkrampfung einstellen kann.

Gemeinsam gehen wir auf die Suche nach den möglichen Aufgaben oder Botschaften, die sich hinter der Fibromyalgie verstecken.

Wichtig ist auch, Ihre Einstellung zur Erkrankung zu überprüfen, um dann eine individuell passende Strategie aufzustellen, mit der Sie in Ihrer Situation mit FMS gut und versöhnt leben können.

Weiterhin erhalten Sie detaillierte Informationen zum Fibromyalgie-Syndrom und möglichen Therapieansätzen. Diese sind so vielfältig wie die Symptome der Krankheit und beinhalten beispielsweise:

  • ganzheitliche naturheilkundliche Schmerztherapie
  • Physiotherapie
  • Sozialtherapie
  • Psychotherapie
  • Ernährungsplan
  • Bewegung
  • Entspannungstechniken

Mein MutmachBuch

Seit vielen Jahren lebe ich mit Fibromyalgie. Ich habe viele Wege ausprobiert, angeschaut, getestet, Rückschläge eingesteckt und wieder Anlauf genommen, neues ausprobiert und fallengelassen.

Meine Quintessenz für ein Leben – kein Leiden – mit Fibromyalgie habe ich in dieses Buch geschrieben.

Ich freue mich, wenn es Ihnen selbst neue Einblicke bietet, neue Ansätze und Denkweisen.

Und wenn es letztendlich Sie mit Ihrer Erkrankung wieder aussöhnt.

Berichte meiner Patienten

Charlotte, 17 Jahre alt, kam zusammen mit ihrer Mutter zu meinem Vortrag bei der Volkshochschule „Gut leben mit Fibromyalgie“. Sie hatte ihre Diagnose „Fibromyalgie“ erst vor wenigen Tagen bekommen und war durch Zufall auf meinen Vortrag gestoßen. Es war fast wie bei mir und wie oben schon beschrieben: Seit Kindertagen litt sie unter unerklärlichen „Knochenschmerzen“ und großer Lichtempfindlichkeit. Wie fast alle Fibromyalgie-Patienten hatte sie eine Odyssee von Arzt zu Arzt hinter sich. Ein sehr verständiger Kinderarzt, dessen Frau auch unter Fibromyalgie litt, hatte letztendlich die Diagnose gestellt, die zusätzlich von einem Kinderrheumatologen bestätigt wurde.

Charlotte war eine zierliche, quirlige, sehr positiv eingestellte junge Frau mit äußerst klaren Vorstellungen. Sie machte eine Ausbildung als Heilpädagogin und interessierte sich brennend für Psychologie. Der Grund, warum sie nach dem Vortrag bei mir vorstellig wurde: Sie wollte wissen, wie das mit der Fibromyalgie bei ihr weitergehen würde. Ihre konkreten Fragen waren: „Kann ich auch im fortgeschrittenen Alter noch arbeiten?“, „Was kann ich tun, damit ich meinen geliebten Sport (Fußball spielen) weitermachen kann?“, „Welche Einschränkungen kommen womöglich auf mich zu?“. Nach fünf Sitzungen hatten wir ihr Hauptthema herausgearbeitet, das sie am meisten beschäftigte – den „Beruf“. Dabei trat ihr Ziel klar zutage, nämlich die Fibromyalgie auch zu ihrem beruflichen Thema zu machen und damit anderen Betroffenen, und vor allem jungen Fibromyalgie-Patienten, zu helfen.

Ich war davon sehr angetan, denn die junge Dame trieb nämlich nicht allein die Frage um „Was passiert mit mir?“ bzw. „Wie kann ich mit meiner Erkrankung am besten umgehen und leben?“, sondern auch „Wie kann ich anderen Betroffenen am besten helfen?“

Emma, seit 10 Jahren geschieden, arbeitet im öffentlichen Dienst und hat einen Sohn aus erster Ehe. Sie bat um einen Termin, weil sie seit Wochen im Homeoffice war und mehr und mehr unter Beklemmungen und Angstzuständen litt.

Ihr Verhältnis zu ihrem Ex war locker, machmal angespannt, allerdings besuchten sie dennoch zwischendurch gemeinsam Familienfeiern. Seit einem Jahr hatte Emma eine Beziehung zu einer noch verheirateten Frau – die leider auch keine ruhige und stabile Beziehung war, sondern durch Auszeiten glänzte.

In einer systemischen Aufstellung stellte sich heraus, dass sie die Trennung von ihrem Mann noch immer nicht abgeschlossen hatte. Die Aussage von Freunden, dass man es beiden nicht anmerken würde dass sie geschieden wären hatte sie immer als Kompliment aufgefasst und darüber, wie gut sie Ehe und Trennung gehandhabt hatten. Die Aufstellung zeigte allerdings genau das Gegenteil: die Trennung war gar nicht erkennbar! Dadurch erklärte sich auch die unstete Beziehung zu ihrer Partnerin, die dies intuitiv erkannt hatte.

So erarbeiteten wir ein Kontaktverbot zu ihrem Mann, welches sie selbst bis Ende des Jahres ansetzte.

Am nächsten Termin zwei Wochen später erzählte sie, dass selbst der Sohn sich erleichtert über die fehlenden Treffen mit dem Vater äußerte, denn auch für ihn war der ständige und angespannte Kontakt sehr belastend. Emmas Angstzustände waren inzwischen bis auf wenige Ausnahmen verschwunden.

In einem weiteren Termin wurde Trauerarbeit zur Scheidung das Thema – da sie selbst berichtet hatte, dass sie wegen der Scheidung noch nicht geweint hatte. So suchten wir nach geeigneten Ritualen, um ein wirkliches Abschließen zu ermöglichen.

Anna war 36 Jahre alt, groß, sportlich, muskulös, verheiratet und hatte ein Kind, Die Fitnesskauffrau und frühere Basketballerin betrat meine Praxis mit einer sehr präsenten Energie. Bei der gründlichen Anamnese zählte sie ungewöhnlich viele sehr schmerzhafte Erkrankungen auf, die sie seit ihrer Jugend durchgemacht hatte:

Morbus Ledderhose: Schmerzhafte Knoten an Händen und Füßen.
Trigeminusneuralgie: Chronischer Schmerz, der vom Nervus trigeminus einem der größten Gehirnnerven ausgeht. Die Erkrankung äußert sich in kurzen, doch sehr heftigen Schmerzattacken[JJ1] [JJ2]
Ungewöhnlich langanhaltende Gürtelrose(n).
Von Jugend an immer wieder Unfälle und Knochenbrüche. So hatte Anna einen schweren Fahrradunfall, zwei Autounfälle, war als Kind vom Baum gefallen, als Jugendliche fast ertrunken und bei der Geburt ihres Kindes beinahe gestorben.
Und vor zwei Monaten schließlich hat sie von ihrem Hausarzt die Diagnose „Fibromyalgie“ bekommen.
Was mich stutzig machte, war ihr Satz: „Ich kann Schmerzen sehr gut wegstecken.“ Selbst beim Zahnarzt und bei kleineren Eingriffen ließ sie sich nie eine Betäubung geben. Seltsam, denn Schmerzunempfindlichkeit ist bei Fibromyalgie eher ungewöhnlich. Im Gegenteil, wir Fibros empfinden Schmerz eher verstärkt. Es drängte sich mir die Frage auf: „Welcher Schmerz will da ans Licht, welcher Schmerz will da gesehen werden?“

In mehreren Einzelaufstellungen tasteten wir uns an die Geschehnisse in ihrer Herkunftsfamilie heran. Dabei stellte sich heraus, dass ihre Großmutter als Kind schwer misshandelt und missbraucht worden war. Diese Tatsache wurde in der Familie immer totgeschwiegen. Dieser schlimme Schmerz, der nie gezeigt werden durfte und über den niemand ein Wort verlieren durfte, wollte aber beachtet werden. Wie so oft zeigte sich hier Generationen später  ein nicht erklärbares Phänomen in Form von Schmerzerkrankungen. In weiteren Sitzungen kam das Schicksal der Großmutter ans Licht und ihr Schmerz und ihr Leid wurden gesehen und gewürdigt. Wichtig war

(und ist) hierbei, dass dieser Schmerz bei der Großmutter verbleibt und nicht aufs Neue von der Enkelin übernommen wird. In Familiensystemen geschieht das sehr oft. Diese Übernahme wäre eine solidarische Liebeserklärung an die Großmutter. Das geht manchmal so weit, dass später Geborene aus Liebe zu ihren Ahnen sogar den Tod in Kauf nehmen.

Als Anna klar wurde, dass ihr Schmerz der über zwei Generationen hinweg übernommene Schmerz ihrer Großmutter war, war sie zutiefst betroffen und erschüttert. Ganz behutsam durfte sie nun lernen, den Schmerz, der gar nicht zu ihr gehörte, loszulassen bzw. an ihre Großmutter zurückzugeben. Wenn sie sich diesem Prozess des Anerkennens und Loslassens verweigert, besteht die Gefahr, dass ihre Kinder ihn übernehmen und der Schmerz so erneut weitergegeben wird. Monate nach unseren Aufstellungen rief sie mich an und erzählte mir, wie gut es ihr nun ginge. Sie sei erleichtert und wie neugeboren.

Ganz wichtig finde ich, dass es In der Aufstellungsarbeit nicht in erster Linie um eine schmerzhafte, langwierige Aufarbeitung geht, sondern um Annahme und Versöhnung: Aufstellungsarbeit ist Versöhnungsarbeit[JJ1] [JJ2] ! Sie bringt verborgene Dynamiken ans Tageslicht, Konflikte, dysfunktionale Beziehungsgeflechte, schwere Schicksale und Krankheiten. Es kommt zum Vorschein, welche Bindungen im System herrschen und ob einzelne Personen zur Erhaltung des Status Quo massive Einschränkungen in Gesundheit, Leben oder Lebensfreude hinnehmen. Erst wenn diese Konflikte und Dysbalancen ans Tageslicht kommen, können alternative Wege gefunden werden, mit ihnen umzugehen.

Johanna war durch eine Bekannte auf meine Praxis und das Thema „Fibromyalgie“ aufmerksam geworden. Ihre Fibro-Diagnose war noch nicht bestätigt, aber sie stand im Raum. Sie wollte darum mehr zu diesem Thema wissen. Im Laufe der ersten Sitzung und nach einer Aufstellung stellte sich heraus, dass es bei ihr ein Mutter-Thema gab. Ihre Mutter hatte früh geheiratet und ihr Kunststudium zugunsten der Kinder und der Familie aufgegeben. Barbara war die Erstgeborene und hatte schon in jungem Alter Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister übernommen bzw. übernehmen müssen, weil ihre Mutter schon früh unter Depressionen litt. Unbewusst hatte Barbara die Schuld dafür auf sich genommen.

In der Aufstellung wurde klar, dass sie glaubte, ihre Mutter habe wegen ihr auf den wunderschönen Beruf der Kunstlehrerin verzichtet. Aus Schuldbewusstsein hatte sie ihrer Mutter viele Aufgaben abgenommen und auf ihre kindlichen Schultern geladen. Das war auch im erwachsenen Alter so geblieben. Stets sprang Barbara ein, wenn es in der Familie einen Notfall gab, die Oma versorgt werden musste, der Hund nicht mit in den Urlaub konnte, die Blumen gegossen werden mussten oder ihre Mutter nicht einkaufen gehen konnte. Schuldgefühle und Überlastung sorgten bei ihr für zusätzlichen Druck, der sich körperlich bemerkbar machte: Verspannte Schultern, Spannungskopfschmerzen, das Gefühl, dass alles zu viel war, und Schlafstörungen machten ihr zu schaffen.

In einer weiteren Aufstellung und mit einem besonderen Ritual lernte sie, die Aufgaben und Verantwortung, die nicht zu ihr, sondern zu ihrer Mutter gehören, ihrer Mutter zurückzugeben. Das war zuerst ein so befremdliches Gefühl für sie, dass die so entstandene Lücke erst einmal geschlossen werden musste, um zu verhindern, dass sie in ein Loch fiel. Zusammen erarbeiteten wir, was sie für sich tun konnte, um diese Lücke zu füllen, und entwickelten Strategien, mit denen sie sich nach und nach von den Aufgaben, die zu ihrer Mutter gehören, entlasten konnte.

Nach einem halben Jahr konnte sie eine deutliche Schmerzreduzierung feststellen. In einem dreiwöchigen Aufenthalt in einer Spezialklinik, die sich unter anderem auch auf die Diagnose Fibromyalgie spezialisiert hat, wurde ihre Fibromyalgie eindeutig festgestellt. Sie hatte inzwischen gelernt, sich mehr Zeit für sich zu nehmen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, und ging regelmäßig spazieren, schloss sich einer Fibromyalgie-Selbsthilfegruppe an und suchte sich eine Teilzeitstelle.

Clara ist 53, Journalistin, ledig und hat keine Kinder. Sie war durch Facebook auf mich aufmerksam geworden. Sie lebte zeitweise in Kanada, und dort wurde auch vor einiger Zeit Fibromyalgie bei ihr diagnostiziert. Clara ist eine sehr toughe, schlanke, wortgewandte und selbstbewusste Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben zu stehen scheint. Sie ist Einzelkind, ihre Mutter lebt noch, der Vater ist seit 15 Jahren tot. Clara hatte immer mal wieder in Indien in spirituellen Wohngemeinschaften gelebt und geht regelmäßig zu Schamanen und Geistheilern. Sie meditiert, Yoga gehört zu ihrem Alltag, sie bewegt sich regelmäßig und ist seit einem halben Jahr beruflich freigestellt. Finanziell ist sie abgesichert. Sie ist immer auf der Suche nach einem Ort, wo sie zu Hause ist. Zu ihrer Mutter nach Deutschland fliegt sie nur ca. dreimal im Jahr, weil sie sich dazu verpflichtet fühlt.

Sie sprach immer wieder davon, dass sie das Gefühl habe, alleine zu sein und dass etwas zu fehlen scheine. Nach drei Sitzungen konnte sie erzählen, dass sie zwei Geschwister durch Abtreibung verloren hatte. Sie – die jüngste – sollte auch abgetrieben werden. Zweimal hat es ihre Mutter vergeblich versucht. Clara hatte das am Sterbebett ihres Vaters erfahren. Ihre Mutter wusste nicht, dass Clara davon Kenntnis hatte. Die Tatsache, dass sie als Ungeborene abgetrieben werden sollte, war ein unglaubliches Trauma, dem sie sich zu diesem Zeitpunkt hilflos ausgesetzt sah. Dieser große Schmerz wurde noch verstärkt durch den Verlust ihrer zwei älteren Geschwister. Sie betonte zwar, dass sie ihrer Mutter nicht mehr böse sei. Aber dieser Schein trog. Tief in ihrem Inneren gab es diesen riesengroßen Schmerz, die Todesangst und die Hilflosigkeit, die sich in der Fibromyalgie regelrecht körperlich manifestierte. In der Aufstellungsarbeit spricht man davon, dass der „Schmerz gesehen werden will“. Da Clara diesen Schmerz unterdrückt hatte, in der Welt umhergezogen war, Karriere gemacht hatte, spirituell alles versucht hatte, um ihre innere Zerrissenheit, ihre Schmerzen und ihre Ruhelosigkeit aufzuarbeiten, hatte er sich den Weg über die Fibromyalgie gesucht, um endlich angesehen und erkannt zu werden.

In einer begleitenden Psychotherapie kann es auch darum gehen, Wege und Strategien aufzuzeigen, wie Sie bislang verborgene Ressourcen entdecken und sie einsetzen, um mit der Erkrankung oder schwierigen Lebenssituationen besser umzugehen. Immer wieder höre ich bei Fibromyalgie-Betroffenen jedoch den Satz: „Ich habe doch keinen an der Waffel“ – oder so ähnlich. Denken Sie doch mal so: Bei einen Herzinfarkt-Patienten, der begleitende Psychotherapie in Anspruch nimmt, würde keiner daran zweifeln, dass ein Herzinfarkt eine organische Erkrankung ist, und doch würde jeder denken: „Ach, wie gut, dass er oder sie sich auch psychisch stärkt und gut für sich sorgt.“ Genau so sollten Sie die Fibromyalgie auch sehen: Als eine organische Erkrankung, bei der begleitende Psychotherapie Sie lehren kann, besser und lebenswerter damit zu leben.

Karl arbeitet mit seinen 59 Jahren als Altenpfleger. Er ist übergewichtig, nimmt Medikamente wegen hohen Blutdrucks, hat Diabetes, nimmt Antidepressiva sowie Statine wegen zu hohen Cholesterins, hat seit zehn Jahren Rheuma und beim letzten Klinikaufenthalt in einer Schmerzklinik wurde Fibromyalgie bei ihm diagnostiziert. Er war seit sechs Monaten krankgeschrieben, weil seine „Knochenschmerzen“, wie er sie bezeichnet, unerträglich und dauerhaft wurden.

Nach einer gründlichen Anamnese und meinen tiefergehenden Fragen, die er dank seiner medizinischen Vorkenntnisse detailliert und präzise beantworten konnte, fragte ich ihn, ob er seinen Vitamin-D-Spiegel kenne. Er verneinte, das sei doch etwas für kleine Kinder und Schwangere, und außerdem gehe er oft in die Sonne. Ich klärte ihn auf, dass der Körper zur Vitamin-D-Bildung Sonnenlicht zu bestimmten Tageszeiten braucht. Und ab dem fünfzigsten Lebensjahr wird es zunehmend schwieriger (bis unmöglich) für den Organismus, Vitamin D allein durch das Sonnenlicht herzustellen. Bei Karl kam hinzu, dass er durch die verschiedenen Medikamente ein zusätzliches Risiko eines Vitamin-D-Mangels hatte. Nach neuesten Untersuchungen hat jeder zweite Deutsche einen zu niedrigen Vitamin-D- Spiegel. Wie für viele war das auch für ihn eine ganz neue Erkenntnis.

Drei Wochen später teilte er mir telefonisch mit, dass sein Vitamin-D-Spiegel bei viel zu niedrigen 12.7 lag. Sein Hausarzt verschrieb ihm die Höchstdosis von 20.000 i.E. täglich über vier Wochen

und danach eine Erhaltungsdosis von 5.000 i.E. Eine Untersuchung nach weiteren sechs Wochen ergab eine minimale Verbesserung. Hier wird wieder einmal deutlich, dass selbst bei einer hohen Dosis an Vitamin D die Verstoffwechselung bei jedem Menschen anders abläuft.

Da in unseren Sitzungen immer wieder in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen die Worte „es fehlt etwas“ auftauchten, schlug ich eine Aufstellung der Herkunftsfamilie zur Unterstützung vor. Schon beim Fragen im Vorfeld stellte sich heraus, dass Karl eigentlich ein Zwilling war. Sein Bruder verstarb während oder kurz vor der Geburt. Seine Mutter hatte ihm das lange verschwiegen. Bei Zwillingen ist die geschwisterliche Bindung besonders eng. Verstirbt einer während der Geburt, so ist das für den Überlebenden oft besonders traumatisch. In der Aufstellung wurde diese große Dramatik sehr deutlich. Karl hatte zudem das Gefühl, am Tode seines Zwillingsbruders mit Schuld zu sein bzw. ein schlechtes Gewissen, dass er lebte, aber seinem Bruder das Leben verwehrt wurde. Auch wenn er von seinem Zwillingsbruder erst als Erwachsener erfahren hatte, war das Gefühl, dass „etwas fehlt“, ganz deutlich in seinem Leben für ihn zu spüren. Der Verlust des Bruders war ein großer Schmerz für Karl, der sich unbewusst in seinem Körper als chronischer Schmerz und durch Mangelerscheinungen manifestierte.

Der Gedanke, dass er leben darf und nicht die Schuld am Tod des Zwillings trägt, war zunächst sehr ungewohnt für Karl. Er erfuhr, dass sein toter Zwilling keinen Namen erhalten hatte und wie so viele Sternenkinder (Kinder, die tot auf die Welt kommen) kein eigenes Grab hatte. Er gab daraufhin seinem Bruder den Namen „Aron“ und richtete einen Platz auf einem Waldfriedhof für ihn ein, an dem er ihn besuchen und um ihn trauern konnte. Solche Rituale sind sehr hilfreich und heilsam für eine traumatisierte Seele. Sie entlasten, und mit dieser Entlastung geht oft eine Schmerzreduzierung einher. So erging es auch Karl.

In fünf weiteren Sitzungen stellten wir gemeinsam einen Plan auf, wie er mit Bewegung und Entlastung weitere Lebensqualität hinzugewinnen konnte. Seine Schmerzen sind nach mehreren Monaten erträglich geworden und er arbeitete jetzt halbtags, denn sein Beruf bereitete ihm viel Freude und er wollte ihn nicht aufgeben. Nach einem Jahr schließlich lag sein Vitamin-D-Spiegel bei 40.

Die medizinische Sicht

Definition

Das Fibromyalgiesyndrom (fibra = Faser, myalgie = Muskelschmerz) ist ein funktionelles soamtisches Syndrom mit chronischen Muskelschmerzen in mehreren Regionen des Körpers.

Zusätzlich treten Schlafstörungen mit Müdigkeit und Erschöpfungsneigung auf körperlicher und geistiger Ebene auf.

Geschichte

Rheumatische Beschwerden wurden schon im 16. Jhd beschrieben, damals wurden sie als „Rheumatismus“ bezeichnet. Im 18. Jhd wurde es auf „Muskelrheumatismus“ ergänzt, wenn keine gelenkzerstörenden Prozesse vorlagen.

Erst im 20. Jhd kam es zu einer eingehenden Beschreibung der sogenannten „Tender Points“, 18 definierten schmerzhaften Druckpunkten, die im Bereich der Muskelansätze, Muskeln und Sehnenübergängen liegen.

Diagnose

Die Diagnose ist sehr schwierig, weil es weder im Blut noch durch bildgebende Verfahren diagnostiziert werden kann. Somit sprechen wir immer von einer Ausschlussdiagnose – was letztendlich nur bedeutet, dass alle anderen bei ähnlichen Symptomen in Frage kommenden Erkrankungen ausgeschlossen werden: Eisenspeicherkrankheit (Hämochromatose), Rheuma, Multiple Sklerose, Arthrose etc. Da FMS-Patienten über die Jahre ihrer Erkrankung letztendlich auch weitere Erkrankungen wie Arthrose ausprägen können, wird eine Diagnose oft zum Spiessrutenlauf.

Ursache

Die Ursache der Krankheit ist nicht bekannt, es überschneiden sich viele Symptome mit denen von Autoimmunerkrankungen, aber es gibt keine Anzeichen dafür, dass Fibromyalgie Autoantikörper oder Entzündungen verursacht.

Selbst die Frage, ob die FMS eine eigene Krankheit ist, wurde bisher nicht beantwortet.

Manchmal müssen wir auf unserem inneren Weg Rast machen,
um neu zu überlegen, wie der Weg weitergeht.

Pater Anselm Grün